“Grenzen setzen“ … mal näher betrachtet.

 

Die Qualität unserer Beziehungen hat großen Einfluss auf unser Wohlbefinden und Glück. Heute möchte ich ein Thema aufgreifen, das ab und zu auch mal zu Konflikten führen kann. Es spielt in Familien oder Partnerschaften eine Rolle, wie auch unter Freunden, Kollegen, Nachbarn … oder eben in der Beziehung zu unserem Hund. Es geht darum, ob und wie wir Grenzen setzen.

Unter Hundemenschen ist „Grenzen setzen“ ein viel und leidenschaftlich diskutiertes Thema. Die meisten stimmen darin überein, dass Grenzen im Zusammenleben sinnvoll sind. Wie man Grenzen setzt und sie wahrt, daran scheiden sich oft die Geister. Kann deren Einhaltung nur mit Hilfe von Strafe durchgesetzt werden? Oder setzt man auf das Etablieren von Regeln auf eine freundliche Art? Ist Letzteres überhaupt möglich? Wenn ja, dann frage ich mich: wenn es doch freundlich geht, weshalb macht dann überhaupt noch irgendjemand etwas anderes? Wohlbefinden ist ein erstrebenswerter Zustand – für Mensch und Tier. Lasst uns deshalb diesen Begriff „Grenzen setzen“ doch mal näher betrachten.

Worum geht es beim „Grenzen setzen“?
Wenn wir Grenzen setzen, stehen wir für unsere Bedürfnisse und Werte ein. Wir kommunizieren, was individuell wichtig für uns ist. Wir setzen diese Grenze, um unseren Wohlfühlbereich oder unser Eigentum abzusichern. Ein einfaches, aber anschauliches Beispiel ist der Zaun um unser Haus. Er signalisiere unseren Mitmenschen, dass hier unser privater Bereich beginnt. Dieses Signal „Zaun“ ist in unserer Kultur etabliert – es besteht eine stillschweigende Übereinkunft – jeder versteht was ein Zaun bedeutet. Und die meisten Menschen respektieren die Grenze, die jemand damit gesteckt hat.

Dieses Beispiel zeigt außerdem: Grenzen können nur dann eingehalten werden, wenn sie als solche verstanden werden und wenn der andere weiß, welches Verhalten von ihm erwartet wird. Beim Beispiel Zaun heißt das: bis hierher und nicht weiter. Falls erforderlich, klingeln und damit um Zutrittserlaubnis bitten. Hier besteht Klarheit auf beiden Seiten. Wenn es um individuelle Wohlfühlgrenzen geht muss ich diese Klarheit meist erst schaffen. Das gelingt gut über freundliche, bestimmte Kommunikation.

Zurück zur Mensch-Hund-Beziehung. Hier ist das nicht ganz so einfach. Wir müssen überhaupt erst einmal die Basis dafür schaffen, damit der Hund die menschengesetzte Grenze als solche erkennen kann. Wenn ich mir diese Mühe nicht mache, lasse ich meinen Hund in meinen Zaun hineinkrachen, um ihm damit die Grenze aufzuzeigen. Leider wird das im Umgang mit Hunden häufig genau so gehandhabt. Ich frage ich mich: ist das fair? Oder gibt es vielleicht auch einen anderen Weg?
Ich denke, ja. Ich könnte solche Konflikte doch spielend im Vorfeld abfedern, indem ich ihm von vornherein „erkläre“, was ich von ihm will. Ich selbst muss dabei allerdings ein bisschen umdenken: denn jetzt geht es nicht mehr um das, was ich NICHT möchte, sondern um das, was ich möchte … eine kleine, aber feine Änderung der inneren Haltung, die – ganz nebenbei erwähnt – generell hilfreich im Leben ist. 

Regeln kommunizieren.
Wie aber „erkläre“ ich meinem Hund, was ich von ihm erwarte – wir sprechen ja nicht die selbe Sprache?
So wie gewohnt. Du hast Deinen Hund doch sicherlich schon ein paar Verhaltensweisen auf Signal beigebracht, wie zum Beispiel Sitz, Platz, Pfote geben. Die Vorgehensweise ist hier ähnlich: ich nutze die universellen Lerngesetze, über die ich mich idealerweise bereits in einer guten Hundeschule informiert habe, und trainiere das Verhalten, das ich mir in der jeweiligen Situation von meinem Hund wünsche. Vorzugsweise mittels positiver Verstärkung. Hier ein paar denkbare Alltagsbeispiele:
– Ich will nicht, dass er mich bei der Begrüßung anspringt? Was will ich anstelle dessen? Ich könnte mit ihm zum Beispiel trainieren, sich in Begrüßungssituationen zu setzen. Oder ihm ein anderes Verhalten beibringen, das ihm in dieser aufregenden Situation sogar noch leichter fällt.
– Ich will nicht, dass mein Hund in der Küche um mich herumwuselt und auf einen Happen aus ist, der herunterfällt? Aus Hundesicht ein völlig normales Verhalten. Ich könnte ihm nun schmackhaft machen, dass er an der Küchentüre wartend liegen bleibt, bis ich fertig bin mit Kochen.
– Ich will nicht, dass meine Couch schmutzig wird? Ich finde es nur verständlich, dass auch mein Hund lieber auf einem weichen, erhöhtem Polster liegt. Vielleicht finden wir einen Kompromiss? Entweder ein hohes Hundebett oder eine eine Decke auf der Couch?

Ich schaffe durch klare, freundlicher Kommunikation meiner Regeln und gleichzeitiger Berücksichtigung der Bedürfnisse meines Hundes eine harmonische Basis des Zusammenlebens, so wie wir das doch (hoffentlich…?) auch aus unseren menschlichen Beziehungen kennen.

Der Mensch verantwortet die Qualität der Beziehung.
Was ich an dieser Stelle manchmal zu hören bekomme: das ist mir zu anstrengend. Ich kann doch viel einfacher durch ein klares „Nein“ und/oder körperliche, deutliche Gesten eindrücklich vermitteln, was ich nicht möchte. Ja, das kann auch klappen. Verschiedene Hundetrainer schlagen diesen Weg vor, weil „Hunde das auch unter sich so machen.“ Der Satz beinhaltet aus meiner Sicht jedoch einen Denkfehler: Ein Mensch-Hund-Team besteht aus einem Menschen und einem Hund. Es gibt da oft eine nicht zu unterschätzende Kommunikations- und Verständnishürde, die es dem Hund schwer bis unmöglich macht, die Motivation meines Handelns nachzuvollziehen. Er nimmt wahrscheinlich nur wahr, dass die Situation bzw. sein Mensch unangenehm wird. Er versteht deshalb aber noch lange nicht, was von ihm erwartet wird. Diese Information sollte nun hinterhergeschoben werden. Und da stellt sich für mich gleich die nächste Frage: weshalb hinterher und nicht von Anfang an?

Genau das macht aus meiner Sicht einen großen Unterschied für die Qualität der Beziehung. Für alle Leser, denen dieser Perspektivwechsel nicht so leicht fällt, möchte ich nochmals kurz auf die Menschenwelt und unser Zaunbeispiel zurückkommen. Was hätte es wohl für Auswirkungen, wenn Du auf den Zaun verzichtest und dem Nachbarn mit jedesmal mit einem harschen Körperblock oder einem schlichten „Nein“ signalisieren würdest, „bis hierher und nicht weiter!“? Du würdest Dein Ziel vielleicht erreichen. Je nach Persönlichkeitsstruktur Deines Nachbarn wird Dein Verhalten jedoch Auswirkungen haben: er wird Dir zukünftig aus dem Weg gehen, Dir bei weiteren Begegnungen mit großem Misstrauen begegnen oder Dir vielleicht sogar den Kampf ansagen. 
Möchtest Du solche Auswirkungen in der Beziehung mit Deinem Hund in Kauf nehmen? Oder anders gefragt: welche Art von Beziehung wünscht Du Dir mit Deinem Hund? Eine, die auf Sicherheit und Vertrauen basiert oder auf Unsicherheit und Misstrauen? Möchtest Du immer wieder „Grenzen setzen“ und diese womöglich mit immer härteren Mitteln einfordern? Oder willst Du lieber Regeln des Zusammenlebens etablieren und mit ein bisschen Trainingseinsatz ein gemeinsames Verständnis schaffen?

Mir ist klar, was ich für mich und meine Hunde möchte: ich will, dass es uns gut geht und dass wir den täglichen Stress und negative Emotionen, da, wo ich es beeinflussen kann, minimieren. Deshalb schaffe ich eine gemeinsame Basis, die von Vertrauen und Wertschätzung geprägt ist. Ich, als kognitiv überlegener Teil des Mensch-Hund Teams, bin mir darüber bewusst darüber, dass ich Verantwortung für die Qualität der Beziehung zu meinen Hunden trage. Ich reflektiere meine Bedürfnisse und Wünsche und kann deshalb unterscheiden, was mir persönlich wichtig ist und an welcher Stelle ich Kompromisse eingehen kann. Ich setze keine Grenzen, sondern kommuniziere meine Regeln des Zusammenlebens präventiv, klar und freundlich und gebe damit gleichzeitig viel positives Feedback.  Ich gestalte mir auf diese Weise unsere kleine, individuelle Welt, in der es uns allen möglichst gut geht. Eigentlich doch ganz einfach, oder? Und so, wie ich mir das in zwischenmenschlichen Beziehungen auch wünsche. 

 

Die Beiträge im Blog beschreiben präventive Impulse und Ideen mit dem Ziel, auch in turbulenten Zeiten in Balance zu bleiben. Auch wenn Du Dir beim Lesen vielleicht denkst: das gefällt mir, das nehme ich mir vor – die Umsetzung im Alltag ist nicht immer so einfach. Wir hängen manchmal in unseren gewohnten Denkmustern und Überzeugungen fest. Dann kann Dich professionelles Coaching dabei unterstützen, leichter ans Ziel zu kommen. Gerne begleite ich Dich dabei. Mein Angebot findest Du hier: www.ziegelmeier.info