Karottenübung.

Im letzten Beitrag auf Balance mit Hund ging es um Emotionen, dass es für unser Wohlbefinden wichtig ist, sie wahr- und anzunehmen und darum, wie hilfreich es sein kann, sich des kleinen Zeitfensters zwischen Reiz und Reaktion bewusst zu werden. Häufig sind wir so sehr vom Alltagsgeschehen eingenommen, dass wir diese und andere Feinheiten des Momentes verpassen. Schade eigentlich. Denn da spielt sich das Leben ab. Nicht morgen, nicht gestern, sondern genau jetzt.

Wir können wieder lernen, den Moment bewusst und vorurteilsfrei wahrzunehmen und uns selbst dabei zu spüren. Ich schreibe ganz bewusst ‚wieder’, denn wir konnten das als Kind bereits sehr gut. Damals haben wir uns mit allen Sinnen auf das eingelassen, was gerade da war. Wir waren dazu in der Lage, in den Augenblick einzutauchen, darin aufzugehen.

Diese Fähigkeit steckt auch heute noch in uns. Um sie wieder zu aktivieren müssen wir nicht gleich einen mehrwöchigen Meditationskurs buchen oder uns in die Abgeschiedenheit eines Klosters zurückziehen. (auch wenn das sicher sehr bereichernd sein kann.) Wir können erst einmal ganz klein anfangen, uns wieder an dieses „Im Augenblick präsent sein“ herantasten. Heute. Hier. Jetzt gleich.

Alles, was wir im Alltag tun, kann zu einer Achtsamkeitsübung werden. Denn es kommt nicht darauf an, was wir tun, sondern wie wir es tun. Es geht darum, sich voll und ganz auf den Moment einzulassen und den Kontakt zu uns selbst herzustellen. Das Ziel verschwimmt, wichtig ist nur der Augenblick. Das was gerade ist, nehmen wir mit allen Sinnen und mit einer kindlich offenen Haltung wahr, ohne zu bewerten. Unsere Gedanken an vergangene oder zukünftige Dinge lassen wir für den Moment links liegen oder vorbeiziehen oder wegschwimmen – wählen Sie das Bild, das Ihnen gefällt.

Wir können bei Routinetätigkeiten anfangen, bei Dingen die wir ‚so nebenbei‘ machen, ohne darüber nachzudenken. Gemüseschneiden ist so ein Beispiel. Da mache ich diese Übung besonders gerne. Karotten sind in unserem Haus das meistgeschnippelte Gemüse, weil Menschen und Hunde sie mögen. Deshalb habe ich diese Übung für mich ‚Karottenübung‘ genannt.

Karottenübung.

Betrachten Sie die Karotte doch mal, als ob sie zum ersten mal in ihrem Leben so etwas sehen würden. Wie sieht sie aus? Von oben, von unten, von der Seite. Wie fühlt sie sich an? Wie riecht sie? Was nehmen Sie wahr, wenn sie vorsichtig und langsam ein Stück davon abschneiden? Wie fühlt sich die Armbewegung, der Widerstand an? Wie hört es sich an, wenn das Messer durch die Fasern gleitet und auf der Unterlage aufkommt?

Versuchen sie nicht, diese Arbeit möglichst schnell oder gut zu machen. Lassen Sie sich ein auf Ihr Tun. Finden Sie Ihre Art, sie zu schneiden, Ihr Tempo, mit dem Sie sich wohl und sicher fühlen. Nehmen Sie den Geruch wahr, der vielleicht dabei freigesetzt wird. Oder riechen Sie an der frisch abgeschnittenen Scheibe. Kosten sie ein Stückchen und lassen Sie den Geschmack auf sich wirken.

Sie müssen nicht unbedingt eine Karotten schnippeln. Die Übung funktioniert natürlich auch mit anderen Sorten und auch mit anderen Tätigkeiten, zum Beispiel Abwaschen, Zähneputzen, Duschen (entweder sich selbst oder den Hund) oder Öhrchen kraulen (die des Hundes hatte ich dabei im Kopf). Achtsamkeit kann man auch wunderbar während der täglichen Kuscheleinheit mit dem Hund praktizieren.

Nehmen sie mit kindlicher Neugierde und Offenheit wahr, was der Moment mit sich bringt und das mit allen Sinnen. Fokussieren sie Ihre Aufmerksamkeit auf den Augenblick, auf Ihr Tun und auf Ihre Wahrnehmung, nicht auf das Ziel. Bewerten Sie nicht. Alles ist gut, so wie es ist. Kommen Sie sich selbst nahe und setzten Sie sich nicht unter Druck. Probieren sie diese Übung einfach mal aus und lassen Sie sich überraschen, was sich dadurch verändert.